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Grausteingrau

Tagein tagaus blickte Grausteingrau in den Himmel.

Es war einmal ein Stein. Er war grau und klein. Er hieß Grausteingrau. Er war ein schweigsamer  Stein. Er hauste zusammen mit vielen anderen Steinen in einer Felswand.

Eines Tages fiel er von seinem Felsvorsprung und rollte weit weit hinunter, über eine grüne Wiese, bis in einen Wald. Da blieb er im Moos liegen.
Hier war es angenehm. Das Moos war weich, anders als in der schroffen Felswand inmitten der anderen Steine. Im Moos war es warm, und hier war es nicht so stürmisch wie in der Felswand. Also blieb Grausteingrau im Moos liegen.

Tagein tagaus blickte er in den Himmel.
'Mmmh, blauer Himmel heute', dachte Grausteingrau. Aber er sagte nichts, denn er war ein schweigsamer Stein.
'Mmmh, Wolken heute', dachte Grausteingrau.
Neben dem Himmel konnte Grausteingrau die Felswand sehen. Die einzelnen Steine in der Felswand konnte er nicht sehen. Denn er war selbst ein Stein, und Steine haben kein Fernglas.
'Mmmh, Regen heute', dachte Grausteingrau. Aber er blickte immer seltener in den Himmel. Immer häufiger war es die Felswand nebenan, die er betrachtete. Nicht den Wald, nicht die grüne Wiese. Und wenn er die Stirn runzeln könnte, dann hätte Grausteingrau die Stirn gerunzelt. Denn je länger er im Moos lag, desto größer wurde seine Sehnsucht, wieder in seine Felswand zurückzukehren. Aber er war ein Stein, und Steine können nicht die Stirn runzeln.

Im Moos war es weich. Aber Grausteingrau bedeutete es bald nichts mehr, im Weichen zu liegen. Und es bedeutete ihm nichts, im windgeschützten Wald zu liegen. Selbst die grüne Wiese stimmte ihn nicht heiter. Denn er selbst war ja ein harter und kalter Stein.
Und obwohl Grausteingrau noch immer ein schweigsamer Stein war, wuchs sein Verlangen, neben den anderen Steinen in der Felswand zu lagern. So wie früher. Nicht hier im Grünen, wo nichts war wie er.

...da lag die Sehnsucht im Moos.


Da lag er also, Grausteingrau, und war schon ziemlich unglücklich. Als ihm schließlich sogar eine Träne über den Stein rann beschloss Grausteingrau etwas zu unternehmen. Er fand nämlich, dass es nicht gut war für einen Stein, zu weinen.
Also beschloss er sich zu verwandeln.
Grausteingrau hatte kein Fernglas und er konnte nichtmal die Stirn runzeln. Aber eines konnte er. Er konnte sich verwandeln.
Also verwandelte er sich in eine braune Walnuss.
Dann runzelte er seine Walnussschale und wartete ab.
'Mmmh, grauer Himmel heute', dachte Grausteingrau. Er war eine schweigsame Walnuss, mit der Sehnsucht eines Steins.

Und tatsächlich, er musste nicht lange warten. Schon kam eine Krähe über die grüne Wiese herbei geflogen, schaute sich kurz nach Neidern um und schnappte die Walnuss. Stieg hoch hoch in die Lüfte. Grausteingrau hielt seinen Walnussatem an. So sausten sie über den Wald hinweg, über die grüne Wiese, und geradewegs auf die Felswand zu.
Hoch über Grausteingraus Felsvorsprung schleuderte die Krähe ihre Nuss von sich.
"Kräh kräh!", schrie die Krähe, jetzt bricht die Nuss auf, "kräh kräh!", jetzt komme ich an meinen Leckerbissen!
Doch sapperlot! Wohin waren die Nusstückchen verschwunden?

In dem Augenblick, als die Walnuss gegen den Felsen prallen und zerbrechen wollte, verwandelte sich Grausteingrau blitzschnell wieder zurück. In einen grauen kleinen Stein. Wo man zerborstene Nussstückchen erwartete, kollerte jetzt ein Stein. Ganz langsam rollte er bis an den Felsvorsprung. Genau an die Stelle, wo Grausteingrau schon immer gelegen hatte. Da kam er zum Stillstand.

Prinzzzi und Wauzzzi waren unterwegs im Prinzenwald.  Prinzzzi plauderte kurze Märchen vor sich hin. Wauzzzi tollte über die grüne Wiese und sprang ins weiche Moos. Wauzzzi liebte das weiche Moos. Über ihre Köpfe zog eine Krähe. Sie schimpfte lauthals vor sich hin.

Die Krähe drehte ab und schimpfte vor sich hin.


"Wauzzzi ich glaube der Vogel ist hungrig", sagte Prinzzzi und runzelte die Stirn. "Oder sie will ein paar kurze Märchen von mir hören."
"Kräh kräh kräh!", schimpfte die Krähe, und war schon nur noch ein Punkt in der Ferne...
"Wau wau wauzzzi!", bellte Wauzzzi ihr nach.

Grausteingrau sagte nichts. Er bellte nicht und schimpfte nicht,  kurze Märchen las er auch nicht. Er fühlte sich wohl in seiner Felswand. Zusammen mit den vielen anderen Steinen. So wohl wie nie zuvor. Er war ein schweigsamer Stein.
 

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