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Die schöne Uhr
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Die schöne Uhr
Die schöne Uhr/2
Die schöne Uhr/3

Die Minuten zerbröselten. Übrig blieben die kleinen Sekunden.

Vor langer langer Zeit erfand man die Zeit nach der Sonne und lebte überall danach. Königreich auf und Königreich ab.
Tageszeiten und Jahreszeiten wurden eingeteilt nach dem Stand der Sonne. Jahre und Wochen und Tage. Die Tage wurden zerzupft in Stunden. Die Stunden zerbröselt in Minuten und Sekunden.
Und all das steckte jetzt in Prinzzzis Geburtstagsgeschenk. Ein großer Schatz, den Prinzzzi sorgfältig an sein Handgelenk legte. Ein Schatz, mit dem er behutsam umging.

Die schöne Uhr war also Prinzzzis Lieblingsstück. Oft saß er stundenlang am Fenster und ließ sich von seinem Zeitmesser verzaubern. Wenn er etwa die Spitze des Minutenzeigers im Auge behielt konnte er beobachten, wie sie sich bewegte. Ganz langsam wanderte der Brillanttropfen an der Spitze von einem Strichlein des Ziffernblatts zum nächsten. Begleitet wurde der Keislauf der Zeit von einem leisen, fast unhörbaren Ticken.

"Du musst dein Ohr fest an das Glas pressen, sonst hörst du nichts."
Prinzzzi hatte Besuch. Prinzessin Linden und Prinz Baum.
"Ja, ich kann es hören! Knisi knisi knisi knisi. Das ist schön." Prinzessin Linden freute sich.
"Das ist so ein leises Knistern, wie ein kleines Feuer", sagte Prinzessin Linden.
"Lass mich hören!"  Prinz Baum horchte.
"Ja, das ist schön! Risi risi risi rsi." Und auch Prinz Baum freute sich.
"Das ist so ein leises Rieseln, wie kleine Kieselsteinchen", sagte er.
"Das Schönste ist die offene Unruh!", verkündete Prinzzzi stolz.
"Was ist das?"
"Schaut her!" Am  Ziffernblatt schwang ein zarter Goldreif, eine klitzekleine Feder wackelte dazu, und ein Zahnrädchen zuckte.
"Die Unruh ist das Herz der Uhr!" Prinzzzi wusste schon einiges über sein neues Prachtstück.
"Die Unruh treibt die vielen kleinen Rädchen an und sogar die Uhrzeiger. Alle kleinen Teile bewegen sich im Takt. Tak tak tak. Es tickt und tackt."
"Es knistert und knastert", ergänzte Prinzessin Linden.
"Es rieselt und rasselt", vollendete Prinz Baum.

Es knistert und knastert, es rieselt und rasselt.


Prinzessin Linden und Prinz Baum gefiel Prinzzzis Uhr sehr. Sogar sehr sehr. Denn Prinzzzis schöne Uhr war wirklich sehr sehr schön. Aber sie wollten auch spielen.
"Komm Prinzzzi, wir holen die Fackeln, wir gehen zur Waldhöhle!"
"Komm Prinzzzi, wo ist dein bunter Ball!"
"Komm Prinzzzi, wir laufen um die Wette!"
"Geht nur, und nehmt Wauzzzi mit! Ich bleibe bei der Uhr", sagte Prinzzzi. Seine Freunde waren unternehmungslustig wie immer, aber Prinzzzi war nicht mehr aus seinem Schloss  zu bekommen. Was immer Prinzessin Linden und Prinz Baum aus ausheckten, Prinzzzi blieb an seinem hohen  Fenster sitzen.

Und freute sich noch immer über sein schönes Geschenk. Und saß am hohen Fenster.  Die Zeit verging ganz von selbst. Wenn Prinzzzi die Uhr dann befrug, wunderte er sich nicht selten, dass ihm ein völlig anderes Ergebnis angezeigt wurde als er erwartet hatte.
"Vier Uhr Nachmittag?", frug Prinzzzi.
"Nein, sieben Uhr Abend", kicherte und tickerte die Uhr. Dann erschrak Prinzzzi.
So saß er Tage und Wochen an seinem Fenster. Aber er sah nicht die grüne Wiese, und er hörte nicht, wie die anderen Prinzessinnen und Prinzen draußen spielten.
"Wenn ich auf meine Uhr schaue, weiß ich immer ganz genau, wann ich bin. Ich weiß nicht immer, wo ich bin, aber ich weiß wann ich bin. Ich weiß, vor wieviel Stunden ich meine Frühstücksmarmelade verspeist habe. Ich weiß, wann die Mittagssuppe auf mich wartet. Ich weiß, wann die Sonne untergeht. Ich weiß, wann ich mich in mein Prinzenbettchen lege."
Aber niemand war da, der zuhörte.

Ich will nichts hören. Nur das Ticken meiner schönen Uhr.


"Ich weiß ja so unheimlich viel mehr, seit ich meine Prinzzziuhr habe!"
Aber niemand hörte zu. Niemand besuchte Prinzzzi mehr, denn Prinzzzi hatte keine Zeit. Für niemanden. Er wollte das Prinzenschloss nicht verlassen. Er wollte seinen Platz am Fenster nicht verlassen. Er wollte seine Uhr nicht verlassen. Prinzzzi war fürchterlich stolz.
"Ich kann den Wochentag und den Monat auf meiner Uhr sehen! Ich weiß, wie lange ich noch auf meinen nächsten Geburtstag warten muss!"


 

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